Social Media als erweiterter Lebensraum

Evangelische Akademie Loccum

Fachvortrag zur Bedeutung von Social Media für die Kirche

Hintergrund: Als Veranstaltungszentrum der Evangelischen Kirche führt die Akademie Loccum Tagungen zu grundsätzlichen Themen und Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft durch.

Ziel des Vortrags: Im Vortrag wurde ein Bild davon gezeichnet, welche Rolle soziale Medien im Leben der Menschen spielen und wie die Kirche auf die aktuellen Entwicklungen reagieren kann.

Als Professor an einem Fachbereich für Wirtschaft bin ich an einer evangelischen Akademie wahrscheinlich eher ein Außenseiter. In den vergangenen Jahren habe ich mich jedoch an diese Position gewöhnen können. Kurz nach Beginn meines Studiums bin ich Villigster geworden – also Stipendiat des evangelischen Studienwerks. Einige von Ihnen kennen Villigst sicher auch von innen. Das Studienwerk hatte damals den Spitznamen, das Studienwerk der Töchter und Söhne von Pfarrern zu sein. Sie können sich vorstellen, wir haben in meinen Jahren in Villigst viel über das Verhältnis von Wirtschaft und Kirche diskutiert. Auf der Treppe natürlich – aber das ist jetzt ein Insider.

Vortragsauszüge:

„In meinen Vortrag werde ich versuchen, ein Bild davon zu zeichnen, welche Rolle soziale Medien im Leben der Menschen spielen.“

„Die Kirche muss sich nicht entscheiden, ob sie Traditionen bewahrt oder mit der Zeit geht und sich auch in Zukunft in der Lebensrealität der Menschen bewegt. Der richtige Weg liegt wahrscheinlich dazwischen. Wie kann die Kirche Traditionen in die digitale Welt übertragen. So schwer sich das vielleicht anhört, sobald man den sozialen Aspekt in den Vordergrund stellt, finden sich viele Anknüpfpunkte. Ja, es ist neu, dass sich Jugendliche im Internet treffen. Nicht neu ist, dass sie immer nach Orten suchen, an denen sie sich treffen können. Das hat eine sehr lange Tradition. Buch Rut, Kapitel 1, Vers 16: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“

„Vor etwa zwei Jahren habe ich im Auftrag der UNICEF an der Universität St. Gallen ein Projekt betreut, bei dem die Social Media Nutzung im Tagesablauf von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Altersklassen untersucht wurde. Während die 9 jährige Alice das Internet noch nicht regelmäßig in ihren Tagesablauf integriert hatte, zeigte die Untersuchung älterer Kinder ein anderes Bild. Die zwölf jährige Melanie startet ihren Tag bereits mit einem Blick zu Facebook und ist auch nach der Schule online mit ihren Freunden verbunden. Dieses Bild zeigt sich auch bei Fabio, der mit bereits 18 Jahren damit begonnen hat, das Internet als praktisches Werkzeug zu nutzen – in diesem Fall zur Kontrolle und Steigerung seiner sportlichen Leistungen. Für die Kommunikation über digitale Medien haben Kinder und Jugendliche eine eigene Sprache entwickelt. In ihrem digitalen Jugendzimmer Posten, Sharen, Liken und Adden sie, sie teilen sich über ihre eigenen Codes Botschaften mit, die nicht für die Welt der Erwachsenen gedacht ist. PIR – Vorsicht: Eltern sind im Raum und blicken wohlmöglich über die Schultern (Parents In Room)!“

„Wenn die Kirche auch in Zukunft online und offline am sozialen Leben der Menschen teilhaben will, muss sie langfristige Wege finden, wie diese Teilhabe aussehen kann. Meine Empfehlung ist die folgende: Orientieren Sie sich nicht zu sehr an technologischen Trends und den Entwicklungen von Plattformen wie Facebook und Twitter. Sicher, Sie müssen die Techniken kennen. Konzentrieren Sie sich aber vor allem auf das, was die evangelische Kirche ausmacht. Dann können Sie in den sozialen Medien authentisch sein. Die wichtigsten Kompetenzen, die Sie einbringen und vermitteln können, sind nicht der Umgang mit den Medien. Es handelt sich vielmehr um kulturelle, soziale und religiöse Praktiken und Traditionen, die auch im Zeitalter der Digitalisierung gültig bleiben. Ihre und meine Generation steht vor der Herausforderung, die Werte, die Traditionen und Lebensweisen, die unsere Gesellschaft prägen in das Internetzeitalter zu übertragen.“